Corona I – Das Tragische

► Abstract: Die Tragödie ist eine der drei großen Literaturformen. Das Tragische besagt: Egal wie man sich entscheidet, egal welchen Weg man wählt hinter jeder Tür steht ein Henker. Eben diese Situation erleben wir akutell (April 2020) mit dem Verhängnis Covid-19. Egal welche Entscheidung die Politik trifft, es gibt keine Lösung, schon gar keine ideale.◄

Eines vorweg: Wer hier meinen Zeilen folgt, darf keine Meinung und Moralappelle, keine Lehren oder Belehrungen erwarten bzw. muss solches nicht fürchten. Es geht mir nicht um schlaue Statements oder wirkungsmächtigen Aktionismus, schon gar nicht um Zahlen und Beweise mit irgendeiner Tendenz, sondern um die essayistische Betrachtung des Phänomens der Corona-Krise aus Perspektiven auf einer Meta-Ebene, die ich aus den Brillen meiner Profession betrachte: Sprache, mediale Vermittlung, Kommunikation, Soziologie, Psychologie und Philosophie.

Das Tragische der Corona-Krise

Als Literaturwissenschaftler gehört das Tragische zum Basisinventar des geistigen Repertoires. Denn „König Ödipus“ von Sophokles ist eine der Hauptingredienzen in der Ursuppe des Lektürekanons, die jeder Germanist löffeln muss. Jene Geschichte über den König von Theben, die Aristoteles in seiner Poetik zum Musterfall der Tragödie erhob.

Das Wesen des Tragischen – die Krux der Politik

Die Essenz des Tragischen lautet: Egal, wie sich der Protagonist entscheidet, jeder Weg führt in die Katastrophe. Hinter jeder Tür, die man öffnet, um einer fatalen Situation zu entrinnen, lauert ein Henker. Das Gefühl menschlicher Ohnmacht steht dem übermächtigen Schicksal gegenüber. – Genau diese Situation haben wir aktuell. Die Corona-Krise erscheint als launenhaftes Verhängnis, das alle Betroffenen in eine tragische Position bringt. Auch die Politik und ihre Akteurinnen und Akteure. Egal, welche Entscheidungen getroffenen werden – ob Lockdown oder Lockerung –, Angela Merkel und Co. werden es nicht schaffen, einen Ausweg zu finden, mit dem alle Bürgerinnen und Bürger glücklich sein werden. Weil sie es nicht können. Können nicht im Sinne von Unfähigkeit, sondern bezogen auf die Ausnahmesituation. Hätte die Politik keine Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus ergriffen, wäre es (vermutlich) zu überfüllten Krankenhäusern und Toten gekommen – man hätte die Politik an den Pranger gestellt. Aber auch nach der Entscheidung für Lockdown, Maskerade, Mindestabstand und Co. sieht die Lage ähnlich aus. Denn die Regierung muss sich der Kritik stellen und sich in Anbetracht insbesondere der wirtschaftlichen Katastrophe und den massiven Kollateralschäden in unterschiedlichen Bereichen rechtfertigen.

Der Kern dieses Dilemmas liegt im Tragischen, an dem sich seit mehr als zwei Jahrtausenden dichterische Aufarbeitung abarbeitet. Ein (unaufhörliches) Leitthema der Literatur. Ein (unlösbares) Leidthema der Menschheit.


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