Corona III – Krisenfronten

Abstract: Mai 2020. Wie gefährlich ist Covid-19 wirklich? Welche Maßnahmen sind gerecht(fertigt)? Und wenn ja, wie lange? Der Ausnahmezustand beklemmt und ängstigt. Die Folge: Der psychische Druck droht sich in einer Radikalisierung von Positionen zu manifestieren. Krisenfronten bilden sich. Radikalität konkurriert mit Humanität.

Eines vorweg: Wer hier meinen Zeilen folgt, darf keine Meinung und Moralappelle, keine Lehren oder Belehrungen erwarten bzw. muss solches nicht fürchten. Es geht mir nicht um schlaue Statements oder wirkungsmächtigen Aktionismus, schon gar nicht um Zahlen und Beweise mit irgendeiner Tendenz, sondern um die essayistische Betrachtung des Phänomens der Corona-Krise aus Perspektiven auf einer Meta-Ebene, die ich aus den Brillen meiner Profession betrachte: Sprache, mediale Vermittlung, Kommunikation, Soziologie, Psychologie und Philosophie.

Gesundheit vs. Freiheit?

Betrachtet man die mediale Landschaft, die Kanäle der Corona-Verteidiger und -Leugner, der Regierungstreuen und Rebellen, der Maskenträger und -gegner, so ist eine zunehmende Radikalisierung der Positionen unübersehbar. Manche unterteilen sie in die Gesundheitsapostel und die Freiheitskämpfer. Es gibt natürlich eine Vielzahl an Gründen für das Auseinanderstreben der Positionen – gute Gründe, und zwar für jede Seite.

Die Mutter aller Gründe für die zunehmende Radikalisierung aber liegt vermutlich in einem Gefühl, das alle eint, doch das sein Unwesen im Unbewussten treibt. Es heißt „Angst“ (ihr wird ► in diesem Beitrag auf die Spur gegangen). Die unerkannte Problematik, dass es keine ideale Lösung im Umgang mit Covid-19 gibt (was Thema ► dieses Artikels ist), macht die Lage schier unerträglich.

Zweifellos ist das Land durch die Ausnahmesituation erfüllt von einer enormen psychischen Spannung, die sich derzeit auf besorgniserregende Weise entlädt. Die totale Offenbarung findet sich in den Eskalationen auf diversen Demos zwischen Demonstranten und den Dienern der Staatsgewalt.

Verkapselung bildet Polaritäten

Die Gefahr liegt in der unmerklichen Radikalisierung des Einzelnen, der immer mehr dazu neigt, die druckvollen kognitive Dissonanzen – geschürt durch das Wirrwarr aus statistischen Zahlen und der Fülle an (tatsächlichen und selbsterkorenen) Experten und Influencern unterschiedlichster geistiger Couleurs – eliminieren zu wollen. Wie? Indem man anfängt, für eine Seite zu sympathisieren. Aus Vorlieben für bestimmte Botschafter oder aus Sehnsucht nach Befreiung aus individuellen Ängsten. Mit dem Effekt, dass man sich bald nur noch in einer Schwarz-/Weißwelt bewegt. „Diese Seite ist die richtige, die anderen sind Lügner.“ Und schon beginnt man, sich zu verkapseln und jegliche Information läuft durch einen internen Filter. Andere Argumente zählen nicht mehr, werden gar nicht mehr neutral zur Kenntnis genommen, um nicht die eigene Ansicht eventuell relativieren oder gar revidieren zu müssen. Ambivalenzen, Unsicherheit, Dialektik, Ambiguität sind schwer auszuhalten. So werden schnell und einfach Pauschalurteile gefällt, ohne sich mit Argumenten auseinanderzusetzen. Man hat seine Position gefunden, die fortschreitende Polarisierung nimmt ihren Lauf. Quellen, die nicht mehr der eigenen Ansicht entsprechen, werden höchstens noch gesichtet, um eigene Urteile zu bestätigen – wobei gern auch Kontexte ignoriert werden.

Und dieser Mechanismus gilt für jede Seite. Vielleicht liegt die Lösung im Bewusstwerden dieser Prozesse, dem Willen zu einer neutralen Sichtung der zirkulierenden Informationen. Vielleicht liegt der Friede, die wahre Humanität genau dort, wo man keine Position bezieht. – So jedenfalls die Lehre, die man aus der Lektüre des „Zauberbergs“ (1924) von Thomas Mann ziehen kann.

Humanität statt Radikalität

Der einfache, junge Mann, Hans Castorp, wird in einem Sanatorium von zwei Mentoren beackert (Settembrini und Naptha), die beide sehr entschiedene Positionen vertreten. Sie neigen zum Dogmatismus beziehungsweise Extremismus und jeder will „seinen Zögling“ auf die eigene Seite ziehen. Nach endlosen Seiten wilder Wortgefechte folgt Castorp letztlich keinem der beiden, die sich letztlich mit Pistolen duellieren. Er löst sich von den Influencern und entzieht sich den Positionen, die sich rivalisierend bekämpfen.

Nach einer „großen Gereiztheit“ der Personen im Sanatorium reißt der „Donnerschlag“ des Ersten Weltkrieges alle unvermittelt auseinander und Hans Castorp landet an der Front. Hier schließt der Roman mit offenem Ende – das Schicksal Castorps bleibt ungewiss. Trotz des fatalen – realistischen – Schlusses bleibt die Botschaft des Romans immer klar: Humanität über Radikalität.

Weiteres zu Thomas Mann und seinem Begriff von Humanität gibt es hier.


©Christian Liederer. Dieser Beitrag darf gerne geteilt, Texte zitiert werden. Das Urheberrecht und geistige Eigentum sind durch den Verweis auf die Quellen zu beachten.