Corona II – Angst

► Abstract: Angst vor Infektion, Angst vor dem Tod, Angst vor Kontrollverlust, Angst vor Fremdbestimmung – Corona hat die Welt in einen Ausnahmezustand versetzt. Ein Ausnahmezustand, der ein Angstzustand ist. Fritz Riemanns Klassiker „Grundformen der Angst“ ist derzeit aktueller denn je und eine Lektüre wert. ◄

Eines vorweg: Wer hier meinen Zeilen folgt, darf keine Meinung und Moralappelle, keine Lehren oder Belehrungen erwarten bzw. muss solches nicht fürchten. Es geht mir nicht um schlaue Statements oder wirkungsmächtigen Aktionismus, schon gar nicht um Zahlen und Beweise mit irgendeiner Tendenz, sondern um die essayistische Betrachtung des Phänomens der Corona-Krise aus Perspektiven auf einer Meta-Ebene, die ich aus den Brillen meiner Profession betrachte: Sprache, mediale Vermittlung, Kommunikation, Soziologie, Psychologie und Philosophie.

Ausnahmezustand = Angstzustand?

 „Angst gehört unvermeidlich zu unserem Leben. In immer neuen Abwandlungen begleitet sie uns von der Geburt bis zum Tode. Die Geschichte der Menschheit läßt immer neue Versuche erkennen, Angst zu bewältigen, zu vermindern, zu überwinden oder zu binden. Magie, Religion und Wissenschaft haben sich darum bemüht. Geborgenheit in Gott, hingebende Liebe, Erforschung der Naturgesetze oder weltentsagende Askese und philosophische Erkenntnisse heben zwar die Angst nicht auf, können aber helfen, sie zu ertragen und sie vielleicht für unsere Entwicklung fruchtbar zu machen.“*)

Dies schreibt Fritz Riemann in seinem Buch „Grundformen der Angst“. Die Corona-Krise überschüttet uns geradezu mit dem Gefühl der Angst. In gewaltigen, allgegenwärtigen Bildern und Worten, die sich in unser Bewusstsein und Unterbewusstsein einprägen und bereits eingebrannt haben. Bilder von Fahrzeugkolonnen mit Särgen, Statistiken mit Toten, Warnungen von Experten, Shutdown, Masken, Polizisten auf Pferden, Ordnungsbeauftragte beim Einkauf, bedrohte Grundrechte, Impfzwang, eskalierende Demonstrationen – das sind nur ein paar von vielen Schlagworten, die bei vielen Menschen Angst, Sorge und Beklemmung auslösen. Die Liste der Begriffe, die sich derzeit mit Angst verbinden, ist lang:

  • Angst vor dem Virus
  • Angst vor dem Leiden
  • Angst vor Hilflosigkeit
  • Angst vor Krankheit
  • Angst vor dem Tod
  • Angst vor Existenzkrise
  • Angst vor finanzieller Not
  • Angst vor Isolation
  • Angst vor Einsamkeit
  • Angst vor Kontrollverlust
  • Angst vor Fremdbestimmung
  • Angst vor Freiheitsverlust
  • Angst vor Überwachung
  • Angst vor Zwang

Angst bewirkt Erstarrung, Flucht oder Angriff

Die allgemeinen Reaktionen auf Angst sind: Erstarrung, Flucht oder Angriff. Vielleicht haben die Evolutionsanthropologen recht: Sie verorten diese Reaktionen auf die frühen Stufen der Menschheitsgeschichte. Der Urmensch, vor dem sich plötzlich ein Bär aufbäumt – was hat er für Möglichkeiten? Erstarrung zeigt: Von mir geht keine Gefahr aus. Ich bin regungslos, leblos wie ein Stein und ebenso ungefährlich. Flucht: Raus aus der Gefahrenzone, schneller sein als der Angreifer, Konfrontation vermeiden. Angriff: Mit dem Adrenalin im Blut zur Selbstverteidigung und Eliminierung der Bedrohung.

Es fällt nicht schwer, Parallelen zur Angst vor den vielen Elementen der Covid-Krise zu ziehen – und zu den Reaktionen, die sich in drei übertragbaren Verhaltensweisen manifestieren. Erstarrung: zuhause bleiben, warten, bis der Alptraum vorüber ist. Flucht: Social Distancing, zum Kühlschrank füllen vor die Tür, Maske auf und Kopf einziehen beim Einkauf und schnell wieder zurück in die eigenen vier Wände. Angriff: Auf zum Widerstand!

Angst und Aggression  

Dass aus Angst sehr schnelle Aggression, aus Furcht sehr schnell Gewalt werden kann, wissen nicht nur Spacelords und Science-Fiction-Eskapisten aus den Lehren des weisen Yodas und durch den Sündenfall Anakin Skywalkers. Die Corona-Krise hat die Krux zu tragen, dass es keine ideale Lösung im Umgang mit Covid-19 gibt. Die tragische Situation führt zu keinem Happy End, bei dem am Ende alle erleichtert aufatmen könnten. Es gibt hier keinen Helden, der dem Drachen den Kopf abschlägt, allen Menschen die Fesseln (der Angst) löst und sie in den ersehnten Zustand vor dem Übel zurückführt. Diese Ausweglosigkeit macht die Lage schier unerträglich und führt zu einem enormen psychischen Druck in der Bevölkerung, der sich entladen will. Die angstbedingte Energie führt zu Polarisierungen und Radikalisierungen. So klingen Riemanns Worte, der appelliert „Gegenkräfte zu entwickeln”, wie ein Kommentar zur derzeitigen Situation, auch wenn sie lange vor der jetzigen Krise geschrieben wurden:

 „Es bleibt wohl eine unserer Illusionen, zu glauben, ein Leben ohne Angst leben zu können; sie gehört zu unserer Existenz und ist eine Spiegelung unserer Abhängigkeiten und des Wissens um unsere Sterblichkeit. Wir können nur versuchen, Gegenkräfte gegen sie zu entwickeln: Mut, Vertrauen, Erkenntnis, Macht, Hoffnung, Demut, Glaube und Liebe. Diese können uns helfen, Angst anzunehmen, uns mit ihr auseinanderzusetzen, sie immer wieder neu zu besiegen, Methoden, welcher Art auch immer, die uns Angstfreiheit versprechen, sollten wir mit Skepsis betrachten; sie werden der Wirklichkeit menschlichen Seins nicht gerecht und erwecken illusorische Erwartungen.“*)


*) Quelle: Riemann, Fritz: Grundformen der Angst. Ernst-Reinhardt-Verlag,
München, 1975, S.7

©Christian Liederer. Dieser Beitrag darf gerne geteilt, Texte zitiert werden. Das Urheberrecht und geistige Eigentum sind durch den Verweis auf die Quellen zu beachten.