Corona IV – M. Horx: „Die Zukunft nach Corona“

Buch Matthias Horx

► Rezension & Lesetipp: „Die Zukunft nach Corona“ von Matthias Horx◄

„Wie eine Krise die Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert“

Corona – Krankheit, Tod, Existenznot. Corona ist eine Katastrophe – oder kann man dem Phänomen doch auch etwas Positives abgewinnen? Durchaus, denkt der Zukunftsforscher Matthias Horx in seinem neuen Buch „Die Zukunft nach Corona“. Er sieht in der Krise das Potenzial eines – längst überfälligen – gesellschaftlichen Wandels.

Zukunftsforscher haben eine Sonderstellung im Reigen der Wissenschaften. Ihre Prognosen entziehen sich von Vornherein der Beweispflicht, beziehen sie sich doch auf Zukünftiges – etwas, das per se zum Zeitpunkt der Publikation nicht nachweisbar sein kann. So sind im Grunde jeder Behauptung Tür und Tor geöffnet, und die Prognostiker sind fein raus. Andererseits hat jede Zukunft die Eigenart, zu einem bestimmten Zeitpunkt Wirklichkeit zu werden. Rückblickend liegen dann die Angriffsflächen offen, jede Zukunftsprognose von gestern kann gegebenenfalls zerfleddert werden. Allerdings interessiert es dann meist keinen mehr. Wer will schon etwa Prognosen, die 1990 über 2020 getroffen wurden, prüfen und mit der Wirklichkeit abgleichen? Langweilig.

Der Autor: Matthias Horx – Zukunftsforscher

Matthias Horx ist hierzulande einer der bekanntesten und einflussreichsten Vertreter der Zunft der Zukunftsforscher, ja er ist sogar Gründer eines Zukunftsinstituts (www.zukunftsinstitut.de). Seine Publikationen wie „15 ½ Regeln für die Zukunft, wie wir leben werden“ oder „Das Megatrend-Prinzip“ sind Bestseller. Mit seinen Söhnen und seiner Gattin, die sich ebenfalls mit der Zukunftsforschung beschäftigen, wohnt er im Future Evolution House, einem sogenannten „Raumschiff für Gegenwartsveränderung“. Um die Veränderung der Gegenwart geht es auch in seinem jüngsten Wurf: „Die Zukunft nach Corona. Wie eine Krise die Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert“. Matthias Horx stellt in seinem Buch nun kein steinernes Modell unserer Zukunft auf, vielmehr betrachtet er das Phänomen Corona unter dem Aspekt der Krise und der Möglichkeit für einen Wandel. Diesen zu gestalten – dazu ist die Menschheit aufgerufen. Und dieser Möglichkeitsraum ist das Hoffnungsvolle in der Misere.

„Über das Glück in der Krise“[1]

So zeigt er in seinem Buch auch insbesondere das Positive und Humane auf, das Corona (trotz des tragischen Rahmens) zu Tage brachte: die gegenseitige Hilfe, Solidarität und Mitmenschlichkeit. Er legt auch den Finger auf die großen Painpoints unseres Lebens (vor Corona): Hektik, Rasanz, Stress, permanente Erreichbarkeit, Digitalisierung, Leistungsdruck, Effizienzdogmen, Überforderung sind nur ein paar Schlagworte, die dieses Feld anreißen (und die Gegentrends wie ► Minimalismus und Nachhaltigkeitsstreben initiieren). In Horx‘ Buch zeigen die Bilder keine überfüllten Krankenhäuser, sondern die lachende Nachbarin auf dem Balkon, die während des Lockdowns musiziert. Ja, diese Szenen gab es, auch die heimlichen Heldinnen und Helden, die zum Beispiel für die Menschen im Altenheim einkaufen gingen. Es gab rührende Momente, aber es gab eben auch die Bilder von Leichenwägen, Menschen an Beatmungsmaschinen, Triagen, zerrüttete Existenzen, Einsamkeit, Isolation, häusliche Gewalt, überforderte Eltern, eine Atmosphäre der Angst, Zerwürfnisse zwischen Freunden, gesellschaftliche Frontenbildung – und natürlich die grotesken Heroen eines atavistischen Egoismus wie Hamsterkäufer und Klorollenjäger.

Verklärung der Krise?

Von all dem liest man bei Horx wenig. Zuweilen drängt sich gar der Eindruck einer Verklärung der Krise auf.[2] Dies ist zum Teil schwer erträglich, weil man auf einigen Seiten fast meinen könnte, Corona war das Beste, was uns passieren konnte, und längst überfällig. Damit wird ein Phänomen sozusagen eschatologisch aufgeladen, das wahrlich weder Erlöser noch Glücksbringer war.

Krankheit, Tod und Elend werden zwar nicht unter den Teppich gekehrt, kommen aber – auch rein quantitativ – im Verhältnis nur wenig zur Sprache. Die Frage, wie teuer ein eventueller Wandel erkauft wurde, wird nicht gestellt. Dies ist ein Ungleichgewicht im Buch – sicher aber ein gewolltes oder zumindest in Kauf genommenes.

Neue Wahrnehmungsmuster entwickeln

Denn Horx geht es um einen Mind-Shift, um positives Denken, auf Basis neuer Wahrnehmungsmuster und Reflexionsfähigkeiten. Insofern muss er konsequenterweise das Positive der Krise unterstreichen und untermauern. Im Gesamtsystem der Positionen unseres gesamtgesellschaftlichen Diskurses ist Horx so gesehen eine Stimme, welche die Waagschalen in ein produktives Gleichgewicht bringen will, indem er den durch Angst, Sorgen und Nöten negativen Seiten eine andere, positive Dimension gegenüberstellt. Diese füllt er mit Optimismus, Hoffnung, Neubeginn und Wandel. Er ruft menschliche Potenziale wach, die an die Fähigkeiten zur Entwicklung der Wir-Haftigkeit (Fritz Künkel) und Selbsttranszendenz (Viktor Frankl) appellieren.

Re-Gnose – Rückblick aus der imaginierten Zukunft

Horx versucht dabei einen neuen Begriff in den Diskurs einzubringen: Re-Gnose. An mehreren Stellen im Buch versucht der Zukunftsforscher immer wieder einen Anlauf, den Begriff zu erklären und an konkreten Beispielen zu veranschaulichen. Es finden sich aber auch verschiedene Definitionen und Auslegungen, die sich so lesen:

 

 

 

„Re-Gnose, die, f.

Wiederschöpfung oder Rück-Schöpfung. In der Re-Gnose begeben wir uns durch einen Zeitsprung in eine vorgestellte Zukunft und schauen von dort auf unser heutiges Ich zurück. Dadurch entsteht eine transformative Erfahrung. Dem Zeitreisenden wird die halluzinative Natur der Wirklichkeit enthüllt, die er sich selbst erschafft. Dadurch kommt es zu einer Veränderung mentaler Muster durch die Neuroplastizität des Hirns – man »sieht die Welt mit neuen Augen«.

Eine weitere Bedeutung von Re-Gnose besteht in der Neu-Konfiguration eines Systems, zum Beispiel nach einem Shutdown. Ein System, etwa die Wirtschaft oder soziale Verhaltensformen, wird neu konfiguriert.

Eine dritte Bedeutung ist mentale Verjüngung. Durch die Überakkumulation von Denkmustern und Klischee-Routinen im Laufe des Lebens veraltern wir uns selbst. Re-Gnose setzt uns wieder in Beziehung mit unserer inneren Zukunft.  Zen-Meister nennen diesen Pfad »den Anfängergeist trainieren«.“[3]

„Re-Gnose bedeutet, dass wir uns durch die Krise selbst verwandeln lassen. Wir verändern unsere Wahrnehmungsformen, und so entsteht Zukunft als neue Wirklichkeit.“[4]

Bei allen Bestimmungen bleibt dieses Wort dennoch eigentümlich schwammig, schwer greifbar. Etwas Künstliches, Konstruiertes haftet ihm an, so dass sich der Eindruck eines Buzzwords einschleicht, das nach Aufmerksamkeit schielt und nach Absatzförderung heischt. Ob es sich im wissenschaftlichen Diskurs behaupten kann, … das wird die Zukunft zeigen.

Fazit: absolut lesenswerter Aufruf eines Optimisten

Trotz all dem ist „Die Zukunft nach Corona“ ein absolut lesenswertes Buch, voller interessanter Gedanken und fruchtbarer Verzweigungen in (scheinbare) Nebengebiete. Dazu wunderbar flüssig zu lesen, Tiefe und Joy of Reading souverän verbindend. Dass diese Rezension drei Mal länger als geplant geworden ist, beweist seine produktive Kraft. Hörenswert ist dieser Aufruf, einen Wandel unserer Welt herbeizuführen, definitiv. Dieses Buch läutet die erste Runde ein. Es ist das Manifest eines Optimisten, der bereit ist, an die Veränderbarkeit der Welt zu glauben, und einen damit seitenweise anzustecken vermag. Eine positive geistige Infizierung, die keine Impfung braucht, sondern Verbreitung.


[1] Matthias Horx: Die Zukunft nach Corona. Wie eine Krise die Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert. Berlin 2020, S. 43 (Titel des Kapitels: „Der Corona-Effekt. Über das Glück in der Krise.“)

[2] Matthias Horx: Die Zukunft nach Corona, z.B. 53 f.

[3] Matthias Horx: Die Zukunft nach Corona, S. 41

[4] Matthias Horx: Die Zukunft nach Corona, S. 66


 


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